“Ich sehe meinem Jungen zu wie er grösser wird – jedoch nur übers Handy”

Eine Kampagne für die Zusammenführung zwischen Griechenland und Deutschland getrennter Familien (4)

Der kleine Mohammed* lernt Fahrrad fahren, als seine Mutter Griechenland verlassen hat

Ein Vater mit einem 4 Jahre alten Jungen in Griechenland – die Ehefrau/Mutter leidet an Krebs und unterzieht sich aktuell allein in Deutschland einer Chemotherapie 

Diese Familie gehört nach Hamburg!

Fereshta* (37) heiratete ihren Mann Habib* (33) im Iran. Sie wurde im Iran als Kind afghanischer Flüchtlinge geboren. Habib floh als Teenager mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran. Das Leben im Iran war sehr beschwerlich. Die meisten afghanischen Flüchtlinge im Iran haben entweder eine befristete Aufenthaltserlaubnis, die nur gegen Zahlung einer Gebühr verlängert werden kann, oder sie bleiben ganz ohne Papiere. Während Fereshta eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung hatte, war ihr Ehemann undokumentiert, ebenso ihr gemeinsames Kind. Nach ihrer Heirat wurde Habib zweimal verhaftet und zurück nach Afghanistan deportiert. Dort ist er bis heute in Lebensgefahr. 

Im Jahr 2017 erkrankte Fereshta. Ihre Brust schwoll immer mehr an und schmerzte. Sie war nicht krankenversichert, und so dauerte es Monate, bis Habib genug Geld sammeln konnte, um die teure Untersuchung in einem örtlichen Krankenhaus bezahlen zu können. Die Diagnose lautete Brustkrebs und war ein harter Schlag für die Familie. Verzweifelt versuchte Habib, seine Frau zu retten, arbeitete jeden Tag und lieh sich Geld, um die dringend benötigte Chemotherapie zu finanzieren.

Eines Tages, auf dem Rückweg vom Krankenhaus, wurde das Paar von der Polizei kontrolliert, die Habib festnehmen und erneut abschieben wollte. Fereshta weinte und flehte die Beamten an, ihn gehen zu lassen, weil sie krank war und ihn brauchte. Die Familie musste die iranische Polizei letztlich bestechen, um einer Verhaftung zu entgehen.

Nach diesem Vorfall war Fereshta und Habib klar, dass sie nicht länger im Iran bleiben konnten. Sie nahmen ihr kleines Kind und flohen. In den Bergen an der Grenze zur Türkei entdeckte die iranische Grenzpolizei ihre Gruppe. Sie liessen die Hunde auf sie los. Fereshta und ihre Familie konnten entwischen. Sie nahm die Tasche, ihr Mann das Kind. Die Polizei schoss. Noch immer kann sie das Geräusch der Kugeln hören. Sie erinnert sich noch deutlich an die Felsen und Büsche, die sie in Panik durchqueren mussten.

“Jeden Augenblick dachte ich, gleich würde mich eine Kugel treffen. Auf unserem Weg nach Europa gab es viele Momente wie diesen, in denen ich dachte, es wäre unser letzter. Dazwischen gab es diese anderen Momente, in denen ich den Schmerz in meinem Körper wieder stark spürte und ich an den Krebs erinnert wurde.”

Sieben Mal versuchte die Familie, nach Griechenland zu gelangen. Jedes Mal wurde sie von der türkischen Polizei festgenommen und inhaftiert. Fereshta erinnert sich mit Schrecken an die Woche, die sie im Abschiebelager von Izmir verbrachten.

“Bei unserer Ankunft wurden wir alle durchsucht. Die Beamtin war schockiert, als sie meine Brust bei der Durchsuchung abtastete. Sie fühlte sich wie Stein an. Wir waren drei Familien in einer Zelle. Wir konnten nicht hinausgehen. Ich hatte meine Schmerztabletten in meiner Tasche, durfte sie aber nicht holen. Ich saß die ganze Nacht wach und litt. Nach einer Woche brachten sie einen Arzt. Dann wurden wir entlassen…

Bei unserem letzten Versuch, Griechenland zu erreichen, wäre unser Schlauchboot fast gesunken. Die Aussenwand des Bootes hatte ein Loch. Wasser drang ein. Das war zum Winteranfang 2018. Das Wetter war entsprechend schlecht. Nur im letzten Moment wurden wir gerettet.

Sie brachten uns ins Lager Moria. Ich erzählte ihnen von meiner Krankheit. Die Ärztin, die mich untersuchte, bekam Angst, als sie den Zustand meiner Brust sah. Ich wurde zur Untersuchung ins Krankenhaus geschickt. Wir wohnten in einem Container mit drei Familien – insgesamt elf Personen in einem Raum. Dann schickte uns das UNHCR nach Athen,wo wir in einer Wohnung untergebracht wurden.“

Zwei Monate nach ihrer Ankunft in Griechenland wurde Fereshta erneut untersucht, diesmal in Athen. Ihre Chemotherapie begann. Die Therapie zeigte jedoch nicht die erwartete Wirkung. Die Mutter fühlte sich sehr krank, weshalb eine Strahlenbehandlung eingesetzt wurde.

“Die Ärzte sagten, ich müsse operiert werden. Ich würde einen Anruf erhalten, um zu erfahren, wann mein OP-Termin sei. Niemand rief an. Inzwischen taten auch meine Zähne unglaublich weh. Ich bat um Hilfe. Meine Tage waren ausgefüllt von Krankenhausbesuchen. Ich musste mich oft ohne Übersetzer*in verständigen. Manchmal wurde ich weggeschickt, weil sie mich nicht verstehen konnten. Es war nicht leicht.”

Habib hatte Angst und fühlte sich hilflos. Er wusste nicht, ob seine Frau die nötige Behandlung schnell genug erhielt.. Er wollte sie nicht verlieren. Seine Freunde rieten ihm, seine Frau zur Heilung nach Deutschland zu schicken. Was sollte er tun? Sie hatten nicht genug Geld, um zusammen weiter zu fliehen. Sie hatten alle ihre Habe für die Behandlung und die Medikamente im Iran und die Reise nach Griechenland ausgegeben. Er wollte sie aber auch nicht alleine lassen. Schlussendlich entschieden sie gemeinsam, dass Deutschland die einzige Lösung sei. Sie entschieden alles zu tun, um sicherzustellen, dass Fereshta die beste medizinische Versorgung erhielt.

Im September 2019, nach fast einem Jahr in Griechenland, gelang Fereshta die Flucht nach Deutschland. Sie wurde von Spezialisten untersucht und innerhalb weniger Wochen sofort operiert. Bis heute muss sie sich einer Chemotherapie unterziehen. Ihr Asylantrag wurde aus humanitären Gründen mit einem Abschiebeverbot beschlossen. Sie ist mittlerweile in Deutschland ansässig, hat aber keinen internationalen Schutzstatus erhalten und kann daher nur aus humanitären Gründen einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. 

Seit mehr als zwei Jahren lehnt Deutschland solche Anträge auf Familienzusammenführung routinemäßig ab, wenn der Familienangehörige in Deutschland ein Abschiebeverbot hat. In der Regel wird dies mit dem Argument begründet, dass das der Asylbescheid in der ersten Instanz negativ gewesen sei. Gleichzeitig erteilt Deutschland jedoch in der Mehrzahl der Fälle afghanischer Asylbewerber nur diesen (nationalen) Abschiebeverbot-Status, der faktisch kein internationalen Schutzstatus darstellt und somit keinen positiven Entscheid. 

Fereshta und Habib kämpfen weiterhin dafür zusammen zu sein – und trotz der geringen Hoffnung eine Lösung zu finden.

“Mein Therapieplan reicht bis 2021. Jede Woche ist Chemotherapie angesetzt. Es ist zermürbend, sie auszuhalten. Das Schlimmste ist die Einsamkeit und dass mein Kind und mein Mann so fern sind. Jeden Tag telefonieren wir. Mein Junge weint oft. Er fragt mich dann, wann er zu mir kommen kann. Er malt sich Pläne aus für diesen Tag. Ich sehe wie er größer wird, aber eben nur auf dem Telefon. Seit ich weg bin, hat er Fahrrad fahren gelernt. Er hat gesagt, dass ich ihm ein Fahrrad kaufen soll, wenn er zu mir nach Deutschland kommt. Es ist schwierig, mit dieser Situation allein fertig zu werden. Weil ich sehr bedrückt bin habe ich eine Psychotherapie begonnen und nehme Medikamente zum Schlafen ein.”

Fereshtas Ehemann Habib leidet nun schon drei Jahre unter dem Druck, seiner Frau nicht helfen zu können. Seit ihrer Ankunft in Griechenland leidet er unter ständigen Kopfschmerzen.

“Jetzt ist sie in guten Händen und wird medizinisch gut versorgt, aber ich bin nicht an ihrer Seite, um sie zu unterstützen. Unser Kind vermisst sie. Er braucht seine Mutter. Wir beide können nicht schlafen. Ich grüble viel. Das ist der Druck des Lebens, den ich spüre. Meine kranke Frau ist so weit weg und wir sind hier gefangen. Unser Sohn glaubt mir nicht mehr, wenn ich ihm sage, dass wir bald bei seiner Mutter sein werden. Er hat sein Vertrauen in seinen Vater verloren. Ich versuche vergeblich, ihm seine Hoffnung zurück zu geben.” 

Ein paar hundert Kilometer nördlich von ihrem Mann und ihrem Kind kämpft Fereshta um ihr Überleben und darum die Hoffnung nicht zu verlieren.

“Ich möchte gesund sein. Ich wünsche mir, dass mein Mann und mein Kind bald hierher kommen. Ich wünsche mir, dass wir zusammen ein friedliches und normales Leben führen können. Ich wünsche mir, dass keine Familie auf dieser Welt getrennt wird!”

* Namen geändert

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... is like a “paper boat”. We chose this as a metaphor for what we want to create and for the situation of refugees and migrants in Greece. The paper boat is a folded boat able to swim – for a while. Then you have to build a new one to go on travelling. A paper boat is symbolic for the journey of life, vulnerable but in your own hands and to be recreated again and again. It is simple, but it carries many hopes and dreams. It can dance on a turbulent sea. It belongs to everybody. And it might become the small version – like a first draft – of a welcome-space.

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